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Forschungen an ausgestellten Menschen

26. Februar 2019 admin Keine Kommentare

Was heute unvorstellbar wäre, war bis in die 1930er-Jahre hinein familiärer und wissenschaftlicher Alltag – auch an der Universität Hamburg: Man ging in Hagenbecks Tierpark und schaute sich ausgestellte Menschen aus fernen Ländern an. Ob aus Äthiopien, Indien oder Norwegen, der Hamburger Carl Hagenbeck „importierte“ ab 1874 nicht nur Tiere, sondern auch Menschen. Über die Völkerschauen schreibt Jasmin Kermanchi.

Hagenbecks Völkerschauen

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Völkerschauen machten aus finanziellen Gründen oder aus Neugier mit und mussten sich an Verträge halten, die ihnen etwa das Verlassen des zugeteilten Raumes ohne gesonderte Erlaubnis verboten. Ausgewählt wurden sie nach ihrem möglichst spektakulären Aussehen und interessanten Alltagsleben. Denn auch Bauten und Gegenstände der Region wurden ausgestellt. Hagenbeck inszenierte die ausgestellten Menschen publikumswirksam in malerischen Vorführungen, wobei bestehende Stereotype fortgesetzt wurden. Denn als authentisch galt, was den Vorstellungen des Publikums entsprach. So gehörte zum Beispiel zu einem Indianer immer der Federschmuck. Während der Völkerschauen gab es einige Krankheits- und Todesfälle, unter anderem aufgrund fehlender Impfungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

1909. Kaiser Wilhelm II. im Gespräch mit den Aethiopiern bei Carl Hagenbeck in Hamburg.
12183-09. Foto: „Hamburg, Kaiser Wilhelm II. im Tierpark Hagenbeck“. Bundesarchiv, Bild 183-R52035 / CC-BY-SA 3.0, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.de. Unverändert.

Völkerschauen im wissenschaftlichen Kontext der Universität Hamburg

Zum Publikum der Völkerschauen gehörten auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Das waren vor allem Ethnologen, Vertreter von Instituten außereuropäischer Sprachen, etwa des Seminars für Kolonialsprachen, und Anthropologen. Besonders Ethnologen konnten bei Hagenbeck in Hamburg-St.Pauli und später in Stellingen Feldforschungen durchführen, ohne Forschungsreisen machen zu müssen. Da sie damals noch nicht viele Daten gesammelt hatten, boten die Völkerschauen gute Möglichkeiten der Forschung, aber auch für die Lehre. Georg Thilenius, erster Direktor des Hamburgischen Museums für Völkerkunde und von 1919 bis 1935 Professor für Ethnologie an der Universität Hamburg, unternahm mit den Studierenden Exkursionen zum Tierpark, um dort die Völker zu erforschen. Das Völkerkundemuseum erhoffte sich von den ausgestellten Menschen der Völkerschauen Informationen über ihre Kultur. Zur Forschung gehörte auch, die beteiligten Menschen zu vermessen und zu fotografieren. Dass sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für die Völkerschauen interessierten, war letztlich auch Werbung für Hagenbeck.

Kritik heute

Die letzte Völkerschau von Hagenbeck fand 1931 statt. Während die Völkerschauen zur damaligen Zeit kaum kritisch betrachtet wurden, kritisieren Forschende heute einerseits ihren Rassismus, sehen die Schauen andererseits aber auch im Kontext der Publikumserfahrungen und -bedürfnisse zu jener Zeit – Völker aus fernen Ländern kannte man damals kaum.
Derartige Forschungen werden heute natürlich nicht mehr betrieben. Auch das  Museum für Völkerkunde positioniert sich fast ein Jahrhundert später neu. Die Neuausrichtung des Museums begann im April 2017 und führte zu einer Umbenennung des Museums in Museum am Rothenbaum, Kulturen und Künste der Welt (MARKK). Der neue Titel soll nicht mehr mit einer kolonialen Haltung in Verbindung gebracht werden.

 Glückwunsch

Ich gratuliere der Universität Hamburg zum Jubiläum und freue mich auf neue Möglichkeiten für Forschung und Lehre sowie das kritische Hinterfragen eben dieser in den nächsten 100 Jahren. Jasmin Kermanchi

Quellen

Thode-Arora, Hilke (1989). Für fünfzig Pfennig um die Welt: die Hagenbeckschen Völkerschauen. Frankfurt am Main: Campus.

Thode-Arora, Hilde (2013). „Tierpark und Völkerschau“. In: Zimmerer, Jürgen (Hg.): Kein Platz an der Sonne. Erinnerungsorte der deutschen Kolonialgeschichte. Frankfurt am Main: Campus-Verlag.

Wolter, Stefanie (2005). Die Vermarktung des Fremden: Exotismus und die Anfänge des Massenkonsums. Frankfurt u. a.: Campus-Verlag.

 

 

 

 

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