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Ein Stolpern vor der Vorlesung

19. Februar 2019 admin Keine Kommentare

In Gedenken an den Musiker Raphael Broches und zehn weitere Universitätsmitglieder, die aufgrund des Nationalsozialismus viel zu früh ihr Leben verloren. Ein Beitrag von Elisa Ritz.

Am 22. April 2010 verlegte der Künstler Gunter Demnig zehn Stolpersteine vor der Universität Hamburg. Während der zu diesem Anlass stattfindenden Feierstunde sprach der Universitätspräsident Dieter Lenzen über die Intention des Projektes:

„Immer wenn wir den Weg in dieses Haus der Wissenschaft betreten, sollen wir für einen kleinen Augenblick innerlich verharren und uns fragen, was wir hätten tun können, um Nein zu sagen zu dem, aus dem so etwas erwächst: Rassismus, Überheblichkeit, Missachtung des Anderen, Unachtsamkeit, Gewaltbereitschaft, Überwältigung des Anderen statt Argumentation, Besserwisserei, sich selber wichtiger nehmen als die Anderen.“ 1

Elf Stolpersteine für Universitätsmitglieder. Quelle: eigene Aufnahme

Das Stolperstein-Projekt lädt zum Nachdenken über die Rolle der Universität während des Nationalsozialismus ein und fördert die Reflektion der heutigen Einstellung gegenüber Andersgläubigen, Migranten, Ausländern, Homosexuellen und Menschen mit Behinderung. Daher regt es Diskussionen für die zukünftige Gestaltung des universitären und gesellschaftlichen Miteinanders an.

Die Stolpersteine vor der Universität

Sechs der Steine erinnern an Mitglieder der Universität, die aufgrund ihres Glaubens und ihrer politischen Überzeugung sanktioniert und so in den Tod getrieben wurden. Vier der Steine stehen für die Mitglieder des Hamburger Zweiges der „Weißen Rose“. Im Frühjahr 2011 kam auf Initiative der Musikwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler der elfte Stein für Raphael Broches hinzu, der an der Universität studierte und seine Dissertation abschloss.

Die folgende Biografie des jungen Musikers steht beispielhaft für den Lebensweg, der hinter einem Stein stecken kann. Die weiteren Biografien können auf der Internetseite www.stolpersteine-hamburg.de nachgelesen werden.

Die Biografie von Raphael Broches

Raphael Broches wurde am 8. Februar 1907 als ältester von drei Brüdern geboren. Während seiner Kindheit zog die jüdische Familie in die Grindelallee 115, wo der Vater auch sein Optikergeschäft betrieb. Im Alter von acht Jahren zeigte Raphael bereits so viel Talent an der Geige, dass er als „Wunderkind“ galt. Der Konzertmeister und erste Violinist des Philharmonischen Orchesters Hamburg Heinrich Bandler gab Raphael Musikunterricht.

Stolperstein Raphael Broches. Quelle: eigene Aufnahme

Von 1928 bis 1930 studierte Raphael Broches Musikwissenschaften und französische Philologie an der Universität Hamburg. Anschließend bildete er sich an der Geige in Straßburg und Paris weiter. Im Jahr 1935 kehrte er nach Hamburg zurück, um im Fach Musikwissenschaften zu promovieren. Nachdem er sich erfolgreich für das Palestine Orchestra beworben hatte, plante er im Oktober 1936 nach Tel Aviv zu ziehen. Ihm wurde ein Einwanderungszertifikat genehmigt. Kurz vor der geplanten Abreise starb seine Mutter. Seine Doktorprüfung verschob sich auf Dezember. Raphael blieb somit zunächst in Hamburg. Am 28. Dezember reiste er nach Palästina, kehrte jedoch Mitte Januar zurück, um seine Promotion abzuschließen. Als polnischer Staatsbürger und somit ausländischer Jude durfte er, anders als deutsche Juden, noch promovieren. Es kam zu Verzögerungen, so dass Raphael erst am 9. August 1938 promovierte. Ab November 1938 sollte er seine Arbeit im Palestine Orchestra fortsetzen. Doch sein Visum war in der Zwischenzeit ungültig geworden.

Am 28. Oktober 1938 wurde Raphael Broches mit seinem Vater nach Polen abgeschoben, wo sie bis zum Sommer 1939 in Zbaszyn interniert waren. Seine Brüder konnten ins Ausland fliehen. 1940 starb sein Vater im Warschauer Ghetto. Raphael spielte 1941 noch in einem Orchester des Lagers. Es wird vermutet, dass Raphael nach der Auflösung des Warschauer Ghettos im KZ Treblinka ermordet wurde.

Außerdem gedenken wir

Dr. Ernst DEL­BAN­CO,

Hed­wig KLEIN,

Prof. Dr. Aga­the LASCH,

Prof. Dr. Ger­hard LAS­SAR,

Dr. Mar­tha MUCHOW,

Prof. Dr. Kurt PE­RELS,

Hans Con­rad LEI­PELT,

Rein­hold MEYER,

Mar­ga­re­the ROTHE,

Fried­rich GE­US­SEN­HAI­NER.

 

Für die kommenden 100 Jahre wünsche ich der Universität Hamburg, dass sie im Bewusstsein um ihre Vergangenheit für Weltoffenheit und Vielfalt steht. Elisa Ritz

Quellen

1https://www.uni-hamburg.de/uhh/organisation/praesidium/praesident/stolpersteine.pdf

„Stolpersteine in Hamburg Grindel 2”, Frauke Steinhäuser, Ulrike Sparr, Landeszentrale für politische Bildung Hamburg

E-Mail Korrespondenz Dr. Eckart Krause und Peter Petersen

Arbeitsstelle für Universitätsgeschichte

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