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Fast verschlafen – wie die Bioinformatik nach Hamburg kam

15. Februar 2019 admin Keine Kommentare

Wir schreiben das Jahr 1999. Die Deutsche Forschungsgesellschaft (DFG) gibt eine Ausschreibung zur Förderung für Bioinformatikzentren heraus. Erfolgreich mit ihrer Bewerbung waren unter anderem das Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung in Gatersleben oder die Universitäten Köln, München, Jena und Bielefeld mit ihren bereits bestehenden Bioinformatikzentren. Aber Hamburg? Ein Beitrag von Sophie Gräfnitz.

Hamburg hat es noch nicht einmal versucht. Schließlich fehlte hier in Hamburg zu diesem Zeitpunkt die gezielte wissenschaftliche interziplinäre Forschung im Bereich der Bioinformatik. Das war fatal für die in Hamburg ansässigen Forschungseinrichtungen und Forschungsunternehmen der Lebenswissenschaften, zum Beispiel für diverse Forschungsgruppen am DESY, die sich mit Strukturbiochemie beschäftigen, das HPI (Leibniz-Institut für Experimentelle Virologie), die Firma Evotec AG und das IHF (Institut für Hormon- und Fortpflanzungsforschung). Die Wissenschafts-Community benötigt zur modernen Forschung auch beste bioinformatische Kompetenzen. 

Wachstumsbranche Biotech

Im Bereich der Biotechnologie stand es in Hamburg und Schleswig-Holstein zur Jahrtausendwende gar nicht mal so schlecht: Gemessen an der Anzahl der Biotech-Unternehmen ist die Branche von 1998 bis 1999 um 25 Prozent gewachsen, vor allem in der Medikamentenforschung wurden mit computergestützten Methoden und gentechnischen Ansätzen Erfolge erzielt. Grund für den Erfolg waren zum einen Firmengründungen wie die der Evotec AG im Jahr 1994 oder internationale Kooperationen wie die der Universität Hamburg, dem BMBF und der kalifornischen Firma Sequenom. Zum anderen gab es eine gemeinsame finanzielle Unterstützung von Hamburg und Schleswig-Holstein für zwanzig Start-ups in der Region. Für das neue Jahrtausend drohte Hamburg jedoch von anderen Standorten deutlich abgehängt zu werden: Laut dem statistischen Bundesamt hat die Universität Hamburg gemeinsam mit der TUHH 1996–1998 nur 52,7 Millionen DM für biologische und medizinische Forschung von der DFG zur Verfügung gestellt bekommen, während die Pendants in München für denselben Bereich insgesamt 170 Millionen DM erhielten. In Hamburg fehlte es im Vergleich zu München demnach an biologischer und medizinischer Forschungsaktivität. Da der Universität nun öffentliche Gelder fehlen – wer könnte die Bioinformatik bezahlen? 

Leidenberger-Müller-Stiftung

Bereits im Jahr 1999 initiierte die Leidenberger-Müller-Stiftung eine Anstrengung der Universität Hamburg, ein interdisziplinäres Forschungs- und Ausbildungszentrum aufzubauen. Auf diese Art und Weise könne man Hamburgs Rückstand aufholen. Außerdem war einer der Gründer der Stiftung an der Gründung der Evotec AG beteiligt und sonst in der medizinischen Forschung in Hamburg tätig. Die Stiftung sicherte der Universität die Finanzierung von zwei Professuren inklusive Ausstattung zu, außerdem bemühte sie sich um die Bereitstellung von Drittmitteln für eine weitere Professur. Die Hamburger JUNG-Stiftung und die Fachbereiche Medizin, Biologie, Chemie und Informatik stellten die fehlenden Mittel letztendlich bereit. Im Januar 2001 stand ein Entwurf, bereits im März lagen 49 Bewerbungen für die ausgeschriebenen Professuren vor. Damit das neue Zentrum für Bioinformatik (ZBH) seine Arbeit und Lehre möglichst schnell aufnehmen konnte, beschleunigte die Leidenberger-Müller-Stiftung die Sanierung des Gebäudes und die Berufung der Professoren. Hierfür erbat die Stiftung ein weiteres Darlehen über zwei Millionen DM von der Hamburger Innovationstiftung, das 2002 zurückgezahlt werden sollte. Das Ziel dieser Beschleunigung war es, einer Absage der gewünschten, damals hoch umworbenen Professoren zu vermeiden und damit einen hohen fachlichen Standard beizubehalten. Mediokrität sei nicht der Stil der Leidenberger-Müller-Stiftung. So nahm das ZBH im Frühjahr 2001 den Betrieb inklusive eines Diplomstudiengangs Bioinformatik auf. 

Das Zentrum für Bioinformatik heute

Das ZBH hat den Sprung in die selbstständige Finanzierung geschafft und beherbergt heute dieselben drei Professuren und eine zusätzliche Juniorprofessur. Ebenfalls ist das ZBH für den Masterstudiengang M.Sc. Bioinformatik und den Bachelorstudiengang B.Sc. Computing in Science zuständig. In Hamburg weht ein neuer Wind: die hochschulübergreifende Informatikplattform ahoi.digital wird den Hamburger Hochschulen und Universitäten 35 neue Professuren bringen, 23 Millionen Euro sollen in die Informatiklandschaft investiert werden. Wenn da mal nicht was für das ZBH herausspringt? 

Hundert Jahre geschafft! Nun gilt es, weiterhin dem Zahn der Zeit mindestens eine kleine Nase voraus zu sein und den akademischen Standort Hamburg für schlaue Köpfe und Themen attraktiv zu halten. Ich wünsche der Universität Hamburg dafür alles Gute und freue mich darauf, selbst mitzuwirken. Sophie Gräfnitz

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