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Die wissenschaftlichen Sammlungen der Universität Hamburg

08. Mai 2019 admin Keine Kommentare

Mineralien, Fossilien, gedeihende Mikroalgen-Kulturen, Herbarbelege in Florenwerken ebenso wie lebende Pflanzen, zoologische und anatomische Trocken- und Nasspräparate, Wachsmoulagen, Gipsabgüsse antiker Artefakte, illustrierte Bibeln, Bildindizes, Manuskripte, Korrespondenzen, naturwissenschaftliche Instrumente, Modelle und Himmelsbilder auf gläsernen Fotoplatten… Über das Anschauliche, Handgreifliche und Gegenständliche schreibt Fanny Weidenhaas.

Selbstverständlich: Wer studiert, wer forscht, wer denken will, schöpft aus den Bibliotheken – und einem wachsenden Angebot digitaler Ressourcen. Dass die Universität Hamburg mit ihren mehr als zwanzig wissenschaftlichen Sammlungen jedoch auch einen schillernden Fundus von anschaulichen und handgreiflichen Objekten bereitstellt, wird nicht selten übersehen. Dabei spielten solche Sammlungen für die Entstehung der Hochschule und die inhaltliche Konturierung einzelner Forschungszweige eine entscheidende Rolle.

Wissenschaftshistorisch lässt sich feststellen: Viele Universitäten entstanden dort, wo gesammelt wurde – und umgekehrt. Wo Bildungseinrichtungen entstanden, da wurden Botanische Gärten, Lehr- und Schausammlungen angelegt. Die Herausbildung des modernen empirischen Wissenschaftsparadigmas in der Frühen Neuzeit stand in enger Verbindung mit einer Praxis des Sammelns, die sich in wachsendem Maße aus „Entdeckungs“- und Handelsfahrten, Konfrontationen mit dem Neuen, dem Erstaunlichen, einem vermeintlich Anderen speiste.

Die Wissenschaft und das Sammeln

Das 1613 gegründete akademische Gymnasium Johanneum mit seinem „Naturalienkabinett“ illustriert diese Verflechtungen beispielhaft auch für die Hansestadt. Bei vielen der dort ehemals versammelten anthropologischen, zoologischen und paläontologischen Objekte handelte es sich um Stiftungen von Hamburger Handelsunternehmern, die zunehmend auch private Sammlungen anlegten. Das Johanneum darf sowohl als eine wichtige Vorläuferinstitution der Universität gelten, als auch des 1843 gegründeten und 1943 zerstörten Hamburger Naturhistorischen Museums. Auf dieses wiederum gehen drei der heute in getrennten Räumlichkeiten untergebrachten wissenschaftlichen Sammlungen der Universität zurück: das Mineralogische, das Geologisch-Paläontologische und das Zoologische Museum. Sie bilden allerdings nur den Bruchteil einer Sammlungslandschaft, die sich im Verlauf der Universitätsgeschichte weiter diversifizierte und auch zeitgenössische Sammlungspraktiken dokumentiert.

In einer Zeit, in der große Teile der wissenschaftlichen Praxis jedoch in virtuelle Räume abwandern, in der kein Studierender ohne die Möglichkeiten informationstechnischer Verarbeitung auskommt, mag der Wert muffiger Tierpräparate und staubiger Archive nicht mehr unmittelbar einleuchten. Hinzu kommt ein gewisses Unbehagen angesichts der europäischen Sammelexzesse, die im 18. und 19. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichten und nicht zuletzt einen imperialen Gestus widerspiegelten. Die Geschichte der im Kontext kolonialistischer Projekte angehäuften Beleg- und Referenzobjekte aus Übersee scheint schließlich auch vermeintlich unschuldige Bestände kontaminiert zu haben. Darüber hinaus ist es unmöglich geworden, Sammlungen lediglich als das materielle Substrat anzusehen, aus dem mit wissenschaftlicher Beharrlichkeit wahre Aussagen über die Welt destilliert werden könnten. Zu deutlich ist geworden, dass willkürliche Verfahren der Auswahl und Einordnung Wissen vielmehr herzustellen als abzuleiten helfen.

Ist das Sammeln jemals unschuldig gewesen?

So notwendig es ist, Sammlungen kritisch in den Blick zu nehmen – sowohl als Spiegel von historisch bedingten Erkenntnisinteressen als auch der jeweiligen ideologischen Voraussetzungen wissenschaftlichen Forschens[1] – so wenig scheint diese Perspektive allein dem Phänomen in seiner Ambivalenz gerecht zu werden. Eine Beschränkung auf die Frage, welches Wissen durch die Akkumulation, Aufbereitung und räumliche Anordnung von Objekten in die Welt gesetzt wird, droht das „Eigenleben“ solcher Ensembles zu verkennen. So scheinen die Informationen, welche die Dinge durch ihre Materialität vermitteln, niemals vollständig in den Bedeutungen aufzugehen, die ihnen über die Zeit beigelegt wurden. Ihre visuellen, haptischen, mitunter auch akustischen und olfaktorischen Qualitäten neigen vielmehr dazu, über die ihnen abverlangten deiktischen Funktionen hinauszuschießen.

Wer bereit ist, sich beim Besuch der wissenschaftlichen Sammlungen zumindest zeitweise auch den Phänomenen – der unmittelbaren Erscheinung der Dinge – zu überlassen, kann irritierende Resonanzen erleben. In Begegnungen mit dem physisch vorhandenen und räumlich strukturierten Material, in die sich zuweilen auch der Zufall einmischt, können sich ungeahnte intellektuelle Spielräume eröffnen. Damit sind Sammlungen nicht nur wichtige Zeitzeuginnen der Wissenschafts- und Universitätsgeschichte, die es nach wie vor kritisch zu befragen gilt. Sie weisen gleichermaßen in die Vergangenheit wie in die Zukunft. Neben ihrer Gedächtnisfunktion ist es ein schwer zu ermessendes Reservoir möglicher Anregungen und noch nicht gehobener Ideen, das ihren besonderen Wert ausmacht.

Für die nächsten hundert Jahre wünsche ich der Universität Hamburg, dass es ihr gelingen möge, sich als kritische, offene und vielfältige Institution zu behaupten – jedem Gegenwind zum Trotz. Fanny Weidenhaas

Quelle

[1]Krzysztof Pomian, Der Ursprung des Museums. Vom Sammeln, Berlin 1986, S. 65

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