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Prof. Dr. Dr. Ingeborg Syllm-Rapoport – die vermutlich „älteste Doktorandin der Welt“

23. März 2019 admin 1 Kommentar

Die Freiheit, das Studienfach und -ziel selbst zu wählen, wird heute (bis auf NC-Vorgaben) staatlich kaum mehr eingeschränkt. In der nun 100-jährigen Universitätsgeschichte war die Möglichkeit jedoch nicht immer gegeben, unabhängig von der eigenen Herkunft Abschlüsse und akademische Titel zu erlangen. Die renommierte Kinderärztin Ingeborg Syllm-Rapoport ließ sich hiervon nicht entmutigen und verfolgte ihren Weg zielstrebig weiter. Gefion Epplen stellt die vermutlich „älteste Doktorandin der Welt“ vor.

Am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) legte Ingeborg Syllm-Rapoport 2015 die mündliche Promotionsprüfung zu ihrer Arbeit ab, die sie 77 Jahre zuvor zum ersten Mal eingereicht hatte. Während der NS-Zeit war ihr wegen ihrer jüdischen Abstammung die Verteidigung ihrer Dissertation verweigert worden.

Die „drei Leben“ der Ingeborg Syllm-Rapoport: Hamburg – USA – DDR

Die Hamburgerin Ingeborg Syllm wurde 1912 als Tochter eines Kaufmanns und einer jüdischen Musikerin in Kamerun geboren. Sie wuchs zur Zeit der Weimarer Republik in Hamburg auf und studierte hier bis zu ihrem Staatsexamen 1937 Medizin. Seit ihrem dreizehnten Lebensjahr hatte sie Nachhilfestunden gegeben, um Geld fürs Studium zu sparen. Als ihre Gymnasiallehrerin Fräulein Warnick dies erfuhr, begann sie, die Studentin durch ein Stipendium zu unterstützen, sogar noch, als diese mit Juden-Ausweis studieren musste. Hierfür war Syllm-Rapoport sehr dankbar: „Ohne Fräulein Warnick hätte ich in Hitler-Deutschland nicht zu Ende studieren können, da für ,Jüdischstämmige‘ keine Leistungsstipendien mehr gegeben wurden. Mehr noch als das Geld und die Schätze des Perikles ist es ein Leitspruch, den sie mir ins Herz gelegt hat und der diese Lehrerin zur ständigen Begleiterin meines Lebens gemacht hat: ,Man muss den Mut haben, sich zu blamieren!‘“
1937 wurde Ingeborg Syllm Assistenzärztin am Israelitischen Krankenhaus. Im folgenden Jahr schloss sie am UKE ihre Doktorarbeit über Lähmungserscheinungen als Folge von Diphtherie ab. Ihr damaliger Doktorvater, der regimekritische Pädiatrie-Professor Degkwitz, stellte der Ärztin ein Zertifikat aus, dass er ihre Doktorarbeit angenommen hätte, „wenn nicht die geltenden Gesetze wegen der Abstammung des Frl. Syllm die Zulassung zur Promotion unmöglich machten“. Da ihre Mutter Jüdin war, verweigerte die nationalsozialistische Hochschulbehörde ihr unter Bezug auf die geltenden „Rassengesetze“, an der mündlichen Promotionsprüfung teilzunehmen.
Ingeborg Syllm emigrierte daraufhin 1938 allein in die USA. Dort konnte sie ohne akademischen Titel allerdings nicht als Ärztin arbeiten und musste zwei weitere Jahre studieren. In den folgenden Jahren promovierte sie und arbeitete als Kinderärztin. In der Kinderklinik in Cincinnati lernte sie ihren zukünftigen Ehemann kennen, den aus Österreich stammenden Biochemiker Samuel Mitja Rapoport. Das Ehepaar engagierte sich politisch für die Kommunistische Partei, und beide unterzeichneten 1950 den Stockholmer Appell zur Ächtung von Atomwaffen. Da sie in den USA politische Verfolgung zu befürchteten hatten, flüchteten sie mit ihren vier Kindern 1952 in die DDR.
Dort trug Ingeborg Syllm-Rapoport entscheidend zur Entwicklung der Neugeborenenmedizin bei. Zunächst war sie als Oberärztin in Ost-Berlin tätig und forschte am Biochemischen Institut der Humboldt-Universität. Später arbeitete sie an der Kinderklinik der Charité, habilitierte sich und hatte seit 1969 den europaweit ersten Lehrstuhl für Neonatologie inne. Da ihre Arbeit eine wichtige Voraussetzung dafür war, dass die Säuglingssterblichkeit in der DDR deutlich verringert werden konnte, erhielt sie 1984 den Nationalpreis der DDR.

Eine Geste der Wiedergutmachung – der zweite, eigentlich erste Doktortitel

Durch die Ehrung zu ihrem 100. Geburtstag an der Berliner Charité wurde das UKE auf die eindrucksvolle Lebensgeschichte von Ingeborg Syllm-Rapoport aufmerksam. Mit einer nachträglichen Promotion sollte ein Zeichen gesetzt und versucht werden, ein Stück Gerechtigkeit wiederherzustellen. Prof. Dr. Burkhard Göke, Ärztlicher Direktor des UKE betonte: „Wir können geschehenes Unrecht nicht ungeschehen machen, aber unsere Einsichten in die Vergangenheit prägen unsere Perspektiven für die Zukunft“.
Die mündliche Prüfung zur Verteidigung der Doktorarbeit mit dem Thema „Der Einfluss von Adrenalin, Pilocarpin, Calcium, Kalium und Barium auf den überlebenden Meerschweinchen-Dünndarm bei normalen und diphtheriekranken Tieren“ fand im Mai 2015 in der Berliner Wohnung der Ärztin statt. Bei der Vorbereitung war sie von Familie und Freunden unterstützt worden, zumal sie  nahezu blind war. Prof. Dr. Dr. Uwe Koch-Gromus, Prof. Dr. Gabriele M. Rune und Prof. Dr. Dr. Michael Frotscher bildeten die Prüfungskommission. Sie seien sehr beeindruckt von ihrer „intellektuellen Wachheit und sprachlos über ihr Fachwissen – auch im Bereich moderner Medizin“ gewesen, äußerte sich Prof. Koch-Gromus über die hochbetagte Wissenschaftlerin.
Im Namen der vielen weiteren Opfer der NS-Zeit hatte sich Ingeborg Syllm-Rapoport dieser Herausforderung gestellt und erläuterte in einem Interview mit dem Tagesspiegel ihre Motivation: „Es ging hier ums Prinzip, nicht um mich. Ich habe die Arbeit ja nicht um meiner selbst willen verteidigt; die ganze Situation war für mich auch gar nicht so einfach mit 102 Jahren. Ich habe es für die Opfer gemacht. Die Universität wollte damit geschehenes Unrecht wiedergutmachen und hat große Geduld bewiesen, für die ich dankbar bin.“

Ingeborg Syllm-Rapoport verstarb am 23. März 2017 in Berlin.

Zu ihrem 100. Geburtstag wünsche ich der Universität Hamburg, dass ihre jetzigen und zukünftigen Studenten frei entscheiden dürfen, welchen Weg sie in Studium und Beruf einschlagen, und ihre Energie dafür einsetzen können, ihren Wissensdurst zu stillen und ihre Ziele zu erreichen, anstatt ihnen in den Weg gelegte Steine aus dem Weg zu räumen. Gefion Epplen

 

Quellen

https://www.deutschlandfunk.de/die-lange-nacht-ueber-die-drei-leben-der-aerztin-ingeborg.704.de.html?dram:article_id=391008

https://www.uke.de/allgemein/presse/pressemitteilungen/detailseite_11079.html

https://www.tagesspiegel.de/berlin/bezirke/pankow/zum-tod-der-berliner-kinderaerztin-ingeborg-rapoport-ich-habe-meine-promotion-fuer-die-opfer-gemacht/11778850.html

https://hpd.de/artikel/11855

Ingeborg Rapoport: Meine ersten drei Leben, Berlin, edition ost, 1997

 

 

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