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Siegfried Landshut als Mitbegründer der Politikwissenschaft an der UHH

05. April 2019 admin Keine Kommentare

Wie ich durch die Geschichte des Studiengangs Politikwissenschaft an der Universität Hamburg erfahren durfte, war Siegfried Landshut 1928 der erste Wissenschaftler, der eine Habilitation im Fach Politik anstrebte. Und auch er war es, der 1951 den Lehrstuhl für Wissenschaft von der Politik an der Universität Hamburg innehatte. Dazwischen liegen 23 Jahre die Landshuts Leben prägten. Seine Biografie erzählt etwas über die Universität Hamburg im Gestern, Heute und Morgen. Ein Beitrag von Franziska Schlachter.

Siegfried Landshut wurde am 7. August 1897 in Straßburg geboren und lebte dort mit seiner jüdischen Familie bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges. Er zog 1914 kurz nach dem Abschluss seines Abiturs als Kriegsfreiwilliger in den Krieg für Deutschland. Nach dem Ende des Krieges nahm er 1919 sein Studium der Rechtswissenschaften an der Universität in Freiburg im Breisgau auf. Im Laufe des Studiums wandte er sich der Nationalökonomie zu und promovierte in diesem Bereich 1921.

Hoffnung auf Habilitation in Hamburg

Im September 1925 zog Landshut mit seiner Familie nach Hamburg und arbeitete am Institut für Auswärtige Politik sowie an der Universität Hamburg bei Eduard Heimann, in der Hoffnung, dort zu habilitieren. Wie zu Beginn bereits erwähnt, reichte er die Zulassung zur Habilitation für das Fach der Politik ein, um damit eine Wiederbegründung der Politischen Wissenschaft in Deutschland anzuregen. Dieser Versuch scheiterte an dem Veto des Soziologen Andreas Walther. Und auch sein zweiter Versuch, den er 1933 im Fach Nationalökonomie einreichte, scheiterte aufgrund der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Innerhalb weniger Monate wurde die Universität Hamburg dem System der Nationalsozialisten gleichgeschaltet. Aufgrund des „Gesetztes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ wurden alle „nicht-arischen“ und politisch unerwünschten Mitglieder der Universität entlassen, darunter auch Siegfried Landshut aufgrund seiner jüdischen Religionszugehörigkeit. Dieser Prozess erfolgte ohne Widerstand im Kollegium, stattdessen mit außerordentlicher Zustimmung der Studierendenschaft.

Exil und Rückkehr

Die Hoffnung auf eine Anstellung zwang Landshut, mit seiner Familie ins Exil nach Ägypten zu gehen, wo er von 1933 bis 1936 lebte. Aufgrund der Zusage eines Stipendiums konnte Landshut 1936 eine Tätigkeit an der Hebräischen Universität in Jerusalem aufnehmen. Das Stipendium war jedoch auf zwei Jahre befristet, er erhielt danach keine weitere Anstellung. Mithilfe anderer Kollegen im Exil konnte er eine Forschungsarbeit zum „Givat Brenner“ aufnehmen, einem sozialistischen Kollektiv. 1945 kehrte er für drei Jahre nach Ägypten zurück, um die „Re-education“ von deutschen Kriegsgefangenen zu betreuen. Von 1948 bis 1950 arbeitete Landshut in London bei der „Anglo-Jewish Association“, bevor er 1950 an die Universität Hamburg zurückkehrte. Über die Zeit im Exil und die existenzgefährdende Situation wurde jedoch nicht gesprochen. In Hamburg begründete er 1951 den Lehrstuhl für Wissenschaft von der Politik, der heute Politikwissenschaften an der Universität Hamburg genannt wird, und an dem ich studiere.

Kampf um demokratische Werte

Die Biografie von Siegfried Landshut zeigt, dass demokratische Werte wie Freiheit, Gleichheit und der Rechtsstaat immer wieder in unserer gesellschaftlichen Auseinandersetzung verteidigt werden müssen. Es ist erschreckend, dass Wissenschaftler wie Landshut von einem auf den anderen Tag entlassen wurden und das Land verlassen mussten. Trotzdem kehrte er nach dem Nationalsozialismus wieder an die Universität Hamburg zurück. Im Zuge heutiger Diskussionen über die so genannte „Flüchtlingskrise“ oder den „Maaßen-Skandal“ empfinde ich es als äußerst wichtig, unsere eigene Geschichte zu reflektieren. Mithilfe der Aufarbeitung der Geschichte, Stolpersteinen, Mahnmalen und Gedenktagen ist damit ein Schritt getan. Trotz allem müssen wir uns als Universität und als Studierendenschaft immer wieder für eine freiheitliche und tolerante Gesellschaft einsetzen. Mit dem Aufkommen von rechtspopulistischen Parteien und Angriffen auf Ausländer in Deutschland stelle ich mir die Frage, ob die politische Bildung und Arbeit stärker unterstützt werden sollte und ob manche die Geschehnisse aus dem Zweiten Weltkrieg vergessen haben.

Glückwunsch: Ich gratuliere zum Jubiläum und wünsche mir für die nächsten 100 Jahre weitere spannende, offene und tolerante Diskussionen an der Universität Hamburg! Franziska Schlachter

Quelle

Nicolaysen, R. (1997): Siegfried Landshut. Die Wiederentdeckung der Politik. Eine Biographie. Jüdischer Verlag: Frankfurt am Main.

 

 

 

 

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