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Wissenschaftlicher Nachwuchs: Wie läuft’s?

11. April 2019 admin Keine Kommentare

Chemikerin Natascha Speil ist Doktorandin am Fachbereich Chemie. Sie forscht zum Thema „Wasserstoffspeicherung“. Ihre Forschung hat Anwendungspotenzial in der Energietechnik. Echte Forschung ist anspruchsvoll und wichtig für unsere Gesellschaft. Von daher lohnt es sich schon einmal nachzuschauen: Wie sind die Rahmenbedingungen aus der Sicht des wissenschaftlichen Nachwuchses? Diese und weitere Fragen stellt Maximilian Ruffer.

Natascha Speil hat sich schon in der Mittelstufe für naturwissenschaftliche Fächer interessiert. Diese seien ihr leichter gefallen als die anderen Fächer, deshalb habe sie dann in der Oberstufe „Chemie“ als Leistungskurs gewählt und an der Uni Hamburg angefangen, Chemie zu studieren. Als eine der wenigen hat sie es in der Regelstudienzeit über den Bachelor- und Masterabschluss zum Promotionsstudium am Fachbereich Chemie geschafft.

Natascha, warum hast Du Dich für eine Promotion entschieden?

„Ein Grund war natürlich, dass ich später bessere Jobchancen habe. Vor allem macht mir die Forschung aber Spaß, sonst hält man das Studium und die Promotion auch nur schwer durch. Beides ist sehr zeitintensiv und anspruchsvoll. Ich hätte es schade gefunden, nach dem Master aufzuhören.“

Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?

„Die meiste Zeit kann ich mich eigentlich mit meiner Promotion beschäftigen. Ich arbeite in etwa zur Hälfte im Labor und am PC. Je nach dem, an was für einem Thema man arbeitet, arbeitet man fast ausschließlich im Labor. Das ist zum Beispiel in der Organischen Chemie so. Mir war wichtig, einen Ausgleich zwischen Laborarbeit und einer Auswertung der Ergebnisse am PC zu haben.“

Doktoranden müssen neben ihrer eigenen Forschung in der Regel auch Lehraufgaben im Studierendenunterricht übernehmen. Was für Lehrverpflichtungen hast Du?

„Zwei Mal im Jahr stehen Laborpraktika an, in denen ich Studenten für jeweils sechs Wochen betreuen muss. Das heißt, dass ich ein Vierteljahr nur sekundär an meiner Promotion arbeiten kann. Am Anfang war vor allem die Vorbereitung sehr zeitintensiv, weil man als betreuende Assistentin auf der anderen Seite steht und nicht mehr Student ist. Je öfter man das Praktikum betreut, desto weniger Vorbereitungsaufwand hat man aber auch. Ob so ein Praktikum läuft, steht und fällt unter anderem mit den Assistenten. Mir macht das aber sehr viel Spaß. Ich betreue das Grundpraktikum im ersten Semester und das ACP (Anm. Anorganische Chemie Praktikum) im vierten Semester.“

Kommst Du mit den offiziell für dich eingeplanten Arbeitsstunden in der Lehre aus?

„Die Zeit, die man am Anfang in die Praktikumsvorbereitung investiert hat, war deutlich höher als das, was offiziell dafür berechnet ist, und wofür wir ja auch bezahlt werden. Man kann den Arbeitsaufwand dafür gar nicht so weit reduzieren, um das einzuhalten. Das ist auf jeden Fall etwas, was ich kritisieren würde: Die vorgesehenen Arbeitsstunden sind einfach falsch kalkuliert, und das ist auch schon seit Jahren so.“

Was für Arbeitszeiten hast Du als Doktorandin?

„Ich bin meistens von 8:30 Uhr bis mindestens 17:30 Uhr hier, also Minimum 40 Stunden in der Woche, wenn ich am Wochenende nicht arbeite. Das nehme ich mir aber so lange es geht vor. Das Wochenende freizuschaufeln ist mir wichtig.“

Wie würdest Du Deine Work-Life-Balance beschreiben?

„Die könnte besser sein. Ich denke, das hängt aber von der Persönlichkeit ab. Ich bin eher der Typ, der seine Arbeit mit nach Hause nimmt. Ich kann nicht sofort abschalten, sobald ich die Uni verlasse. Mit der Zeit ist das bei mir besser geworden. Man muss sich aber auch dazu zwingen, etwas von der Arbeit liegen zu lassen (lacht). Sonst wird man zu einer „Karteileiche“ im Fitness-Studio. Wenn Praktika oder Projekttreffen anstehen, geht das allerdings nicht. Das sind aber Phasen.“

Nach einer Promotion in Chemie darf man den begehrten Titel „Dr. rer. nat.“ führen. Wie viel Zeit hat man dafür?

„Normalerweise wird man drei Jahre finanziert. Mit ein bis zwei Verlängerungen kommt man auf vier Jahre, was aber nicht in jedem Arbeitskreis der Fall ist. Danach rutscht man dann ins Arbeitslosengeld, da die meisten dann noch nicht fertig sind bzw. in der Schreibphase. Es ist ziemlich schwierig, den Job und das Zusammenschreiben unter einen Hut zu bringen. Es verleiht mir auch manchmal schlaflose Nächte, wie das aussieht mit der Finanzierung. Das Arbeitsamt sieht die Fertigstellung der Promotion meistens nicht als Vollzeitstelle an. „Warum können Sie nicht noch halbtags arbeiten?“, wird dann gefragt – kann man machen, verlängert den Prozess dann aber um X Monate oder sogar Jahre. Man kriegt dann auch Stellenangebote zugeschickt, auf die man sich als fast promovierter Chemiker nur ungern bewerben möchte.“

Was sollte sich in den nächsten Jahren ändern um eine Promotion und Forschung für junge Wissenschaftler attraktiver zu machen?

„Es wäre gut, wenn der zeitliche Aufwand während der Praktikumsbetreuung besser reguliert werden würde, um letztendlich mehr Zeit mit seiner Promotion verbringen zu können. Oder, dass es einen finanziellen Bonus gibt, wenn man nachweislich mehr Zeit (Anm. in die Praktikumsbetreuung) investiert hat, als vertraglich vorgesehen. Ansonsten könnte man das Promotionsverhältnis auch anpassen: entweder könnte man die Ansprüche an eine Promotion reduzieren, so dass ein zeitlicher Rahmen von drei Jahren einzuhalten wäre, oder die Festfinanzierung auf vier Jahre setzen, um den finanziellen Druck während der Promotion zu senken.“

Liebe Uni Hamburg, Glückwunsch zu deinem hundertjährigen Jubiläum! Maximilian Ruffer

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